Meraner Tagebuch

Fluchtlinie 1

Von Galizien nach Leipzig - Wohlraths Erben

Carl Maria Wohlrath war der jüngste von drei Söhnen eines Gutsbesitzers in Reichenbach im Eulengebirge. In Galizien, zu Zeiten der Donaumonarchie. In Schlesien, im Kreis Lemberg. Einer meiner Großväter. Er und seine Brüder wuchsen auf einem kleinen Gutshof auf. Pferde, Kühe, Ackerland und Wiesen. Einen Wald dabei. Ein blühender Garten. Gänse, Hühner. Ein kleiner schlesischer Reichtum in Galizien. Die Urgroßmutter hatte das Blaufärben von ihrer Mutter gelernt. Sie verdiente damit ihr eigenes Geld, legte beiseite, steckte den Söhnen am Freitag Münzen zu. Sie verkaufte auch Eier und Federvieh.

Carl Maria, 1884 geboren, war der Jüngste der Brüder und wusste von Kindesbeinen an, dass er den Hof nicht erben würde. Immer der Älteste übernahm den Besitz und zahlte die anderen aus. In kleinen Raten, nach jeder Ernte. Oder es wurde ein Wohnrecht vergeben und verrechnet. Also lernte der Jüngste alles, was es zu lernen gab: Landwirtschaft und Handel. Anbau von Kohl und Buchhaltung. Und auch das Weißgerben und Blaufärben von seiner Mutter. Carl träumte davon, in Lemberg bei einer Textilfirma in die Lehre zu gehen. Wenigsten eine Kaufmannslehre zu absolvieren. Wenigstens Kaufmannsgehilfe. Er arbeitete auf dem Gut und träumte, bis der Tag kam, als sein Vater für den besten Freund bürgte. Für einen Nachbar. Mit allem, was die Familie besaß. Land, Haus und Hof. Das hatte seine Ordnung, dass der eine für den anderen Wechsel gab und verlängerte. Ein Jahr lang gingen die Papierstreifen hin und her, prolongiert, schwungvoll unterschrieben von einem Herrn der Bank und Carls Vater. Und von dem Freund, der kein Freund mehr sein konnte, weil er spielte und trank, weil er das Geld nicht für den Kauf von Pferden und Saatgut, nicht für Krankenhausrechnungen verwandt hatte. Das Geld war weg, der Hof im Besitz der Bank.

Carl war dreizehn Jahre alt, als sein Vater den besten Anzug aus dem Schrank holte, die Mutter ihn ausbürstete und den Hut putzte. Der Vater fuhr mit dem Einspänner zur Bank, als er wiederkam, war die Familie obdachlos und arm. Am nächsten Tag wollte die Bank einen Mann schicken, der das gesamte Hab und Gut protokollierte, bis dahin durften kein Löffel und kein Korn entfernt werden. Einen Monat später sollten die Wohlraths ihren Hof verlassen. Sie waren nicht die Ersten aus der Verwandtschaft, deren Leben nicht wie gedacht verlief, dazu lachte Gott zu oft, wenn er den Menschen bei ihren Planungen zusah. Ein Bruder vom Carls Großvater hatte bei einem Brand seine Gerberei, Haus und seine Frau verloren. Er nahm alles Geld, Pferd und Wagen und fuhr bis Leipzig. Er kaufte vor den Toren der Stadt halb Anger auf. Er wurde der größte Kohlgärtner in diesem Dorf. Er schrieb jedes Jahr zwei Briefe, in denen stand, dass alle nach Leipzig kommen sollten. Jedes Mal legte er einen Scheck bei, den Carls Mutter verwahrte, nie einlöste.

Carls Mutter war so klug gewesen und hatte ihren Mann beschworen, nicht akribisch alles anzuführen, als er eine erste Liste des Besitzes für die Bank anfertigte. Jeder der drei Söhne bekam ein Pferd und so viel Kleidung, Ausstattung, wie die Pferde tragen konnten. Sie bekamen auch Mutters gespartes Geld. Ein kleiner Schatz. Die Eltern behielten wenig zurück für ihre Reise.

Bei einem Nachbarn untergestellt hatte Carls Mutter ein Pferd, einen Ackergaul, den großen Leiterwagen mit Aufsitz, alle Stoffe und Materialien für die Blaufärberei und zum Felle gerben. Vorräte, Geschirr und Silberbestecke. Carls Vater schämte sich, umarmte seine Söhne nicht, als sie losritten. Carls Mutter räumte, putzte, schaffte beiseite, aber so geschickt, dass noch genug für den Bankmann stundenlang zu protokollieren war.

„Reitet nach Westen, soweit Ihr könnt. Wir kommen nach.“ Carls Mutter steckte dem Ältesten Adressen in Hirschberg, in Berlin und Leipzig zu: „Bei Hanna treffen wir uns. Einer von Euch muss in Hirschberg bleiben. Wenn Ihr weiter reitet, dann ins Preußische, nach Leipzig, Berlin oder ans Meer. Ans Nordmeer, nicht an die Ostsee. Aber einer muss bleiben. Und auf uns warten.“

Es war Carl, der bei der Schwester seiner Mutter blieb. Das Riesengebirge hatte er noch nie gesehen. Hanna und ihr Mann ließen ihn staunen und durch die Stadt streifen. Sie besorgten ihm Arbeit in einer Leinenweberei. Im Büro. Er übte Buchhaltung und Zahlen. Er fragte nach Preisen und Handel. Carl war vierzehn, die Jahrhundertwende kam und Carl wollte in die Zukunft. Er träumte von einem Haus und Land.

Seine beiden Brüder waren weitergeritten nach Berlin. Sie sahen sich um, kamen sich albern und fehl am Platze vor, wußten nicht wohin, zwischen Pferdeomnibussen und den ersten elektrischen Straßenbahnen. So viele Menschen, Geschäfte. Quietschen, Hupen. Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches. Ihre einzige Adresse in der Orananienburgerstraße taugte nichts. Diese Leute sind vor zwei Jahren weiter in den Westen, hieß es. Nach Rotterdam. Die Brüder Max und Rudolf bekamen zu essen und den Rat anderswo ihr Glück zu suchen. Nicht in Berlin. Hier sind schon so viele. Sie übernachteten in einem der Hinterhöfe, laut war es ihnen in den Ohren. Viel zu laut. Das Gelärme aus den Häusern, das Fauchen in den Straßen. Die Hufe der Pferde klangen auf dem Asphalt wie Kugeln. Sie kauften sich Brot und ritten nach Leipzig. Sie ritten nach Anger. Sie sahen die Kohlfelder. Sie fanden Arthur Wohlrath, den Mann, dem die meisten der Felder gehörten.

„Endlich seid Ihr da. Eure Mutter hat mir geschrieben. Meine Frau ist letztes Jahr gestorben. Ich habe drei Töchter und einen Sohn. Kurt hat nichts im Sinn mit Ackerbau und Kohl. Er will von alldem nichts wissen. Will nur Geld und in der Innenstadt leben. Und die Töchter haben ihre Familien.“
Max und Rudolf waren zwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt. Sie streckten dem alten Mann die Hände entgegen: „Was sollen wir tun? Wir haben Geld.“
„Wir kaufen noch mehr Land und bauen zusammen ein Haus.“ Sie nahmen den Schatz der Mutter und kauften Land. Sie bauten Spinat und Winterportulak an, Spitzkohl, Weißkohl, Mairüben, Kohlrabi und Rosenkohl. Sie lieferten aus. Sie bestellten auch Arthurs Kohlfelder und bekamen dafür Landstücke übertragen. Sie rackerten Tag und Nacht. Alles, was sie Zuhause auf dem Gut gelernt hatten, nutzte ihnen jetzt.

Die Dörfer Anger und Crottendorf versorgten die Stadt Leipzig. Rudolf und Max waren dabei. Die Bahntrassen durchquerten und umschlossen die beiden Dörfer. Max eröffnete neben einem der Gleisanschlüsse eine Handlung für Kohlen und Brennholz. Die Eltern waren inzwischen in Hirschberg angekommen. Die Mutter entschied sich zu bleiben, und mit ihrer Schwester eine Blaufärberei aufzubauen. Ihr Mann fand für sich keine Rolle mehr. Er half, wenn er von den Frauen um Hilfe gebeten wurde, ansonsten lief er im besten Anzug durch Hirschberg und grüßte alle Leute. Carl wurde mit Pferd und dem Ackergaul nach Görlitz zu einem Onkel geschickt. Er bekam alles Geld mit, was die beiden Familien auftreiben konnten. Von Görlitz schlug er sich weiter durch nach Anger-Crottendorf zu seinen Brüdern. Das Jahr 1898. Carl war 14 Jahre alt. Sein Bruder Rudolf war der König der Kohlfelder in Anger und kaufte Land in Volkmarsdorf. Die Brennstoffhandlung von Max platzte aus allen Nähten. Er wollte näher zur Stadt. Er wollte Lieferwagen und einen besseren Anschluss an die Gleise, näher an den Hauptbahnhof. Auch er sah sich in Volkmarsdorf um.

„Carl bringt den Ackergaul“, lachten die beiden Brüder. „Er bringt unseren besten Ackergaul. Nach Hause können wir nicht mehr, aber unsere Pferde sind da.“
„Und Silber. Und Taler. Einige Goldstücke.“ Die Mutter hatte Carl auch alle Schecks und einen Schuldschein des Nachbars aus Reichenbach mitgegeben. Ein wertloses Stück Papier. „Aber“, sagte Max und schob ihn in seine Brieftasche, „wer weiß, vielleicht ist er irgendwann, doch noch zu etwas nutze. Vielleicht gewinnt der Kerl mal beim Spielen. Er vererbt ja seine Schulden und Gewinne.“
Arthur freute sich aus ganzem Herzen über Carls Ankunft. Er sah die Schecks: „Das ist euer Geld, die werden jetzt eingelöst. Wohlraths ungeteilte Erbengemeinschaft.“ Das erste Mal war davon die Rede.

Carl staunte, wie fein seine Brüder angezogen waren. Und auch er bekam ein neues Hemd mit einem steifen runden Kragen, einen Hut, einen dunklen Anzug, einen Binder. Carl wusste gar nicht, wie sich bewegen. Dann gingen alle zum Fotografen am Augustusplatz und schickten einen der sepiabraunen Kartons, auf dem sie ernst blickend vor einer italienischen Landschaft standen, nach Hirschberg. Rudolf setzte einen Brief auf und schrieb, dass sie ein Haus bauen würden. Arthur und die drei Brüder. Idastraße 41. Die Eltern sollten kommen. Fünfhundertachtzig Quadratmeter wollten sie kaufen, Ecke Mariannenstraße, und ein großes Haus bauen. Vier Stockwerke. Jede Wohnung mit über hundert Quadratmetern. Parterre ein Kolonialwarenladen mit Lager und Büro. Neben dem Haus die Kohlenhandlung, Garagen und Lagerplatz mit direkten Gleisanschluss.

1898 begann vor einem königlich-sächsischem Notar das Leben der ungeteilten Erbengemeinschaft Wohlrath. Wohlraths Erben, so stand es danach mehr als hundert Jahre lang über allen amtlichen Schreiben und Abrechnungen. Der Bau des Hauses kostete achtzigtausend Goldmark. Bezahlt wurde zur Hälfte in bar, der Rest in Hypotheken. Arthur bezog die Wohnung im 1. Stock und lebte als Rentier. Er bedachte seine Töchter Minna, Margarethe, Martha und Sohn Kurt mit gleichen Erbteilen. Er ließ auch Carls Eltern eintragen, aber die blieben in Hirschberg. Sie hatten ihr Auskommen. Nach und nach teilte sich das Haus in zweiunddreißig Erbteile auf.

Rudolf heiratete und zog in das oberste Stockwerk. Max heiratete und nahm eine Wohnung im Hinterhof. So hatte er seine Brennstoffhandlung immer im Blick. Carl begann eine Lehre in Reudnitz als Buchdrucker und mietete ein Zimmer bei Arthur. Die Wohnungen hatten Stuckdecken mit Rosetten, auf dem Dach glänzten vergoldete Figuren. Die Mieteinnahmen wurden einmal im Jahr unter Wohlraths Erben aufgeteilt. 1908 starb Arthur und jeder der Erben bekam einige Anteile am Haus dazu. Carl Maria übernahm die Wohnung, verwaltete das Haus und heiratete im Januar 1911 Emma Clara Frieda Böttger, die Kolonialwarenhändlerin. Sie war fünf Jahre jünger. Sie war schwanger. Im Juli 1911 wurde Tochter Elisabeth geboren. Am 1. August 1914 erfolgte um 17 Uhr die Generalmobilmachung, am 2. August wurden alle Männer eingezogen. Carl Wohlrath in das Königlich-Sächsische Leibgrenadier Regiment Nummer 100. Seine Frau und die drei Jahre alte Tochter winkten, als der Zug mit den vielen Soldaten den Leipziger Hauptbahnhof verließ. Richtung Westfront. Nach Frankreich. Nach Berry-au-Bac in einen der Schützengräben. Am 16. August 1915 starb der Gefreite Carl Wohlrath im Feldlazarett von Neufchâtel-sur-Aisne. Zuhause war er nicht mehr gewesen. Seinen Besitz hatte er zu einem Viertel seiner Frau, zu drei Vierteln der Tochter Elisabeth vermacht. Der gemeinschaftliche Erbschein wurde erst im November 1918 von einem Gerichtsschreiber in Leipzig ausgestellt. Sein Bruder Rudolf fiel 1918 in der Schlacht von Verdun. Nur Max war mit dem Leben davon gekommen, weil er mit Kohlen handelte. Kohlen waren wichtiger für den Krieg als Gemüse und Kohl. Vier Jahre waren Carl Maria und Emma Clara Frieda verheiratet gewesen. Die sechsundzwanzigjährige Witwe und ihre Tochter besaßen einige Felder und fast die Hälfte des Hauses. Vierzehn Zweiunddreißigstel. Wo Carl Maria Wohlrath beerdigt wurde, ist unbekannt.

Fluchtlinie 2

Vom Preußischen Heer zum Leiter eines Leipziger Postamtes


Friedrich Oswald Richard Müller wurde 1871 in der preußischen Provinz Goldberg geboren. Im Gutsbezirk Haynau. Der Deutsch-Französische Krieg war gerade zu Ende. Wilhelm I. wurde zum Kaiser proklamiert. Bismarck war Kanzler. Dreißig Jahre zuvor war ein Müller Landrat gewesen. Richards Vater arbeitete als Gutsverwalter. Drei Söhne. Zu erben gab es nichts. Die Familie war eingeklemmt zwischen oben und unten, zu keiner Seite gehörte sie. Sie waren ärmer als manche Bauern und reicher als die meisten Arbeiter. Sie schlugen sich zwischen den Schichten durch. Alle Söhne besuchten die Schule und lernten ein Handwerk. Richard Müller wurde Sattler. Mit sechzehn arbeitete auch er auf dem Gut und war zuständig für Pferdegeschirre, Riemen und Sattel. Er reparierte alles, was aus Leder war und in seiner Freizeit stellte er Brieftaschen her, verschenkte sie in der Familie oder verkaufte sie. Um ein Geschäft zu eröffnen in Goldberg reichte das Geld nicht. Für keine Zukunft reichte das Geld. Richard war der Älteste und er wollte heraus aus dem Gut und aus Haynau. Er meldete sich mit siebzehn freiwillig beim Preußischen Heer. Die Eltern gaben ihm ein Pferd und ließen ihn ziehen. Mit Tränen in den Augen. Aber ohne Worte. Erst Liegnitz, dann Hirschberg. Richard verpflichtete sich bei den Dragonern für zwölf Jahre. Er war ein guter Reiter, ein guter Sattler und schaffte es bis zum Feldwebel mit neunhundert Goldmark im Monat. Er wurde in Posen stationiert. Er schaute immer noch nach oben und nach unten, aber er war nicht mehr eingeklemmt in die Verhältnisse, musste seine Mütze nicht mehr ziehen. Er wurde wer. Nach zwölf Jahren war er Militäranwärter, hatte Anrecht auf tausend Goldmark Prämie und einen Zivilversorgungsschein. Hatte Anspruch auf eine Stelle im gehobenen Zivildienst. Er ging zur Post. Er heiratete Rosa aus Goldberg. So hatte er eine Verbindung zu seiner Heimat, ohne dazwischen zu geraten. Sie bekam vier Kinder: drei Söhne, ein Mädchen. Und Richard träumte davon, noch ein kleines Stück weiter in den Westen zu gelangen, aber dann kam 1914 die Mobilmachung. Richard Müller wurde mit dreiundvierzig Jahren eingezogen und arbeitete als Quartiermeister. An der Ostfront. Im Krieg gegen die Russen. Drei Jahre lang. Seine Frau starb im Früjahr1918, an der Spanischen Grippe, geschwächt vom langen Hungern und Frieren.

Friedrich Oswald Richard Müller begrub seine Frau in Goldberg und bewarb sich bei der Post in Leipzig. Er wurde als Oberpostsekretär und Leiter des Postamtes am Augustusplatz eingestellt. Er bezog 1919 eine der Wohnungen in der Idastraße. Mit seinen schon fast erwachsenen drei Söhnen Hans, Herbert, Erich und der kleinen Elfriede. Er war ein stattlicher Mann in Anzug, Weste, mit seidenem Schal und Zylinder sonntags. Er war weit weg von Goldberg. Er war nicht mehr irgendwo dazwischen, sondern ein aufgeschlossener Monarchist und einer, der lange Soldat war, viel gesehen hatte und der den Krieg für keine Möglichkeit der Politik hielt. Er stand allem Geschrei ablehnend gegenüber. Ob von Thälmann oder Hitler. Er hörte zu, aber er mochte die Aufmärsche und den Lärm nicht. Dass seine Frau und die Kinder gehungert hatten, während er dem Kaiser diente, dass seine schöne Rosa wegen des Hungerns gestorben war, das verzieh er Kaiser und dem Vaterland nicht. Er war ein ruhiger Mann geworden.

Der Oberpostsekretär Müller und die Kolonialwarenhändlerin Wohlrath heirateten 1920. Ein Lutheraner und eine Jüdin. Ein Schlesier und eine Leipzigerin. Sie zogen in den zweiten Stock in der Idastraße mit ihren fünf Kindern. Richard liebte seine Emma Clara Frieda, seine so junge Frau, einunddreißig Jahre. Achtzehn Jahre jünger. Er wartete vor der Synagoge und er führte sie aus, in die Grüne Schenke, in die Oper. Er überließ ihr das Wirtschaften. Zwei Tanten aus Schlesien gehörten noch zum Haushalt. Sie wohnten in den Zimmern hinter der Küche und halfen im Laden. Es gab Augenblicke von Glück. 1922 wurde ein Mädchen, geboren, eine Rosa Frieda. Und bis 1933 hatte alles seine gute Ordnung. Schabbes am Freitagabend, Familienessen an Samstagen und Sonntag, danach stürzten alle wieder in die Welt, in der sie vorankommen wollten.

Die Söhne machten ihren Weg: Einer ging zur Polizei nach Berlin, einer eröffnete einen Friseursalon und Erichs Ziel war es, Reeder zu werden, nach Hamburg zu gehen. Er lernte Kaufmann bei Bamberger am Augustusplatz. Er bekam die Prokura, er wollte nach oben. In die anderen Kreise. 1932 bewarb er sich bei der Hapag in Hamburg. Herr Cuno nahm den jungen Mann und beförderte ihn nach oben. Aus dem Polizisten wurde ein Kommissar, nur der Friseur heiratete die falsche Frau und wurde von ihr aus seinem eigenen Laden geworfen.

Die Familie hatte Ansehen, war beliebt, verwaltete das Haus. Daran änderte sich auch 1933 nichts. Wenn Fahnen an den Häusern verlangt wurden, hing in der Idastraße nur eine kleine Flagge: Schwarz weiß rot. Niemals eine Hakenkreuzfahne. Der Straßenwart mahnte, und dabei blieb es. Nach 1933 wurden aus diesen deutschen Staatsbürgern mit ihren politischen Ansichten zwischen links und nationaldemokratisch nach und nach Juden: Viertel- und Halbjuden. Vier viertel Juden. Richard Müllers erste Frau war eine Jüdin gewesen. Und auch bei diesem lang gedienten Feldwebel und Oberpostsekretär fand sich jüdische Verwandtschaft. Es war kein Entkommen vor der nationalsozialistischen Arithmetik, da nützten auch nicht die lutheranischen Eheschließungen und die Taufen der Kinder aus erster Ehe. Und doch lebte die Familie unbeirrt ihr bürgerliches Leben weiter. Nur am Freitagabend und bei den Familienessen saßen immer weniger um den großen Tisch. Es gab keinen Streit mehr um Politik. Erich ließ sich von Hapag nach Amerika schicken. Er nahm Frau und Kinder mit. Elisabeth emigrierte mit ihrem Mann nach England. Herbert, der Kommissar, wanderte mit Kind und Kegel in die USA aus. Einer der Söhne ging später weiter nach Kanada. Einige Verwandte flüchteten in die Niederlande. Einer nach Burma, dort heiratete er eine burmesische Prinzessin, aber das war vielleicht erfunden. Er heiratete und gründete mit seiner Frau eine kleine Handelsgesellschaft. Einer landete in Frankreich.

1934 fuhren Emma Clara Frieda und Richard nach Wernitzgrün. Urlaub oder Flucht. Sie besaßen beide einen Ausweis, der sie zum Grenzübertritt nach Tschechien berechtigte. Für Spaziergänge. Sie kamen immer wieder zurück. Sie blieben in Leipzig. Sie waren Deutsche. Sie waren die Idastraße 41. Sie waren Familie. Gelbe Sterne wurden nicht getragen.

Ende Juni 1940 starb der Oberpostsekretär, der seine Frau über alles liebte, an einem Schlaganfall. Vierzehn Tage später beendete Emma Clara Frieda ihr Leben. Bis auf die Tochter Rosa Frieda, achtzehn Jahre alt, waren die meisten Wohlraths, Böttgers, Bergers, Wolffs und Müllers mit echten und falschen Papieren in der Welt unterwegs. Viel weiter im Westen oder Norden als sie es sich je erträumt und je gewünscht hatten. Einige kamen 1945 wieder und landeten im Staatsgefängnis DDR. Erich und seine Familie zogen nach Hamburg und der Traum einer kleinen Reederei wurde verwirklicht. Einige waren tot. Viele blieben außerhalb von Deutschland, manche sprachen nie wieder Deutsch. Auch nicht mit dem Mädchen, dass sie besuchte und weder Englisch noch Niederländisch konnte und nicht wusste, wer diese Onkel und Tanten, Cousinen waren. Es wurde viel geschwiegen, lange Jahre nichts erzählt. Im Sommer 1945 wurde dieses Mädchen geboren, eine neue Fridel. Das war ich.

Vor dem Bau der Mauer, 1952 flüchteten meine Mutter und ich aus der DDR. Mit einem Holzkoffer, ohne Papiere, im Winter. Durch Tschechien, Richtung Hof. Ins Lager Moschendorf. Die Flucht ging ohne die nötigen Stempel und Zuzugsgenehmigungen weiter bis an den Bodensee. Die Schweiz blieb versperrt. Nach Süden und Westen ging es nicht weiter. Erst als ich erwachsen war, fuhr ich Richtung Osten, nach Leipzig, und weiter entlang der Familiengeschichten.