Meraner Tagebuch

Die achte Reisenotiz vom 7. August 2017

Nur weil eine Reise beendet ist, die Koffer ausgepackt und Blicke wieder auf westfälisches Land gerichtet sind, ist die Reise nicht vorbei. Ich schaue immer noch hoch und sehe das Meraner Prospekt. Den schönen Glockenturm der alten Maria-Trost-Kirche. Die Berge mit ihren Schneekämmen sind inzwischen etwas verschwommen. Das Wissen um die Münsterländer Wiesen, Birken, Maisfelder und Höfe setzt sich durch. Die Seele sieht Meran, der Kopf weiß es besser, das Herz sortiert liebevoll. Der Blick kann sich verschleiern und dann sehe ich, was ich will. Den Bodensee, eingerahmt von Alpen. Und immer weiter schaue ich, denn weil ich schreibe, kann ich auch über die Alpen sehen, bis zum Gardasee, nach Verona und zum Hafen von Genua.

Wie schreibt Heinrich Heine in seinen Reisebildern über die Reise von München nach Genua: „Während die Sonne immer schöner und herrlicher aus dem Himmel hervorblühte und Berg und Burgen mit Goldschleiern umkleidete, wurde es auch in meinem Herzen immer heißer und leuchtender. Ich hatte wieder die ganze Brust voller Blumen, und diese sproßten hervor und wuchsen mir gewaltig über den Kopf, und durch die eigenen Herzblumen hindurch lächelte wieder himmlisch die schöne Spinnerin. Befangen in solchen Träumen, selbst ein Traum, kam ich nach Italien, und da ich während der Reise schon ziemlich vergessen hatte, dass ich dorthin reiste, so erschrak ich fast, als mich die großen italienischen Augen plötzlich ansahen und das buntverwirrte italienische Leben mir leibhaftig heiß und summend entgegenströmt.“ Mit Genauigkeit und Leidenschaft beschreibt Heine dann die Stadt Trient. Er malt ein Bild, das bis heute stimmt. Alt, gebrochen, abenteuerlich gebaut ist die Stadt und lässt einen träumen, wie es einmal war und lässt einen erleben, wie einladend ein Dom, eine Stadt, das Lächeln der Menschen sein kann. Auch wenn die Malereien, das Gold verblasst ist, wenn andere Zeiten gelebt werden müssen.

Nein, die Reise nach Meran ist noch lange nicht vorbei, denn ich schreibe an den „Fluchtlinien“, und die Reiseführer Tirol, Meran, Italien, die Karten, liegen immer noch auf dem Schreibtisch. Neue Reisepläne werden gesponnen.

Hier nun eine Fluchtgeschichte aus der DDR:
Über die Mauer nach Island
Er lehnte sein Fahrrad an die Kutsche, nahm einen langen Schluck aus der Wodkaflasche und rief: „Ich bin über den Berg gefahren, durch die Ebene gegangen, habe links und rechts geschaut, bin ich nun ein Held?“

„Nein“, antwortete Gott, „du bist ein bisschen durch dein Leben gestolpert, ganz ordentlich für deine sozialistischen Verhältnisse, aber ein Held bist du erst, wenn du über die Mauer nach Island springst. Mit einem Pferd. Vielleicht bist du dann ein Held. Ich weiß es nicht. Die Sache mit den Helden ist schwierig.“

„Wer Fragen stellt, der ist ein Narr. Wer darauf Antwort gibt, ein größrer noch“, murrte der Mann namens Held. Und Gott lachte herzhaft: „Wie du meinst.“ Und dann war wieder Ruhe zwischen Himmel und Erde. Das Fahrrad lehnte an der alten Kutsche, die mitten auf der Oranienburgerstraße stand, der Held mit bürgerlichem Namen Richard Arnold Markus Held war wütend, und die Pferde schnaubten vor sich hin.

Held hatte sich aus der Leipziger Tiefebene mit dem Fahrrad aufgemacht und war über Torgau, Herzberg, Luckau und das alte Beeskow nach Berlin geradelt. Ohne Genehmigung aller dafür zuständigen sozialistischen Instanzen und Führungsebenen, weder wusste der Genosse Schulleiter, wo sich der Mathematiklehrer Held aufhielt, noch die Genossin Ehefrau, was ihren Mann trieb, sein Fahrrad zu reparieren und zu verschwinden. Er war ohne jede Überlegung losgeradelt. Die Sache mit dem Nachdenken hatten zwei Flaschen Wodka verhindert. Zum Glück. Denn wenn Held geplant hätte mit dem Fahrrad in die Hauptstadt der sozialistischen Republik zu sausen, dann hätte er nur unüberwindbare Schwierigkeiten vor sich gesehen. So war er querfeldein geradelt, hatte Äpfel, Birnen und Brot gegessen und immer weiter Wodka getrunken. Genug, um nicht nachzudenken, was alles passieren würde, wenn er in die Hände der Staatsorgane fiele. Die Freunde in Torgau versorgten ihn mit fetten Schweinemettwürsten aus der letzten Schlachtung und weiteren Flaschen polnischen Wodkas, die Verwandten in Luckau redeten ihm ins Gewissen, aber Held fand in sich keine sozialistischen Gewissensbisse und als die Frauen ihm vorwarfen, dass er ihnen allen schade mit seinem unüberlegten Verhalten, da radelte er frisch gewaschen schnell weiter, ohne zu sagen wohin und warum. Warum wusste er selbst nicht. Weg. Weiter. Nach Beeskow durchs Burgtor zu einem alten Kollegen, einem bürgerlichen Philosophielehrer, der sich und die Kinder mit der Lehre vom realen Sozialismus und den Äußerungen eines Ulbrichts und Honeckers plagte.

„Was willst du? Nach Berlin? Du spinnst. Seit wann dürfen wir uns frei bewegen? Nach Berlin! Das schaffst du niemals“, sagte der alte Kollege und dann tranken sie beide bis sie auf dem Fußboden lagen und davon lallten auszuwandern. „Mein Onkel Werner, der wollte immer nach Island, ins Eis, vom Vatnajökull hat er geredet. Von Reykjavik.“ „Dein Onkel, der ist doch nie woanders gewesen als in Leipzig.“ „Einmal war er am Bodensee, bei seiner Schwester. Einmal haben sie ihn fahren lassen, als meine Tante schwanger war.“ „Der Bodensee ist nicht Island.“ „Egal. Ich will nach Island. Zum Vatnajökull.“

„Meine Erschöpfung ist inzwischen im Quadrat potenziert größer als unsere gesellschaftlich geteilten Verhältnisse. Ich baue seit einem Jahr an einem neuen Hühnerstall. Mehr ist nicht.“ Der bürgerliche Philosophielehrer ließ seinen Kopf fallen und der Genosse Held tat es ihm nach. Die beiden schliefen, Arm in Arm.

Am nächsten Morgen radelte der Genosse Held weiter, über die Felder und kreuz und quer Kurven radelnd, gelang es ihm tatsächlich unbeobachtet in die Hauptstadt der sozialistischen Republik einzudringen. Die Oranienburger war dann ein Zufall. Und das Gespräch mit Gott war vielleicht der Wodka und seine Folgen, aber die Kutsche mit den vier Pferden war real. Ohne Sinn und Zweck stand mitten vor dem alten Telegrafenamt eine alte Holzkutsche mit vier Pferden, davon zwei gesattelt. Wieso und warum? Filmaufnahmen, Ehrengäste, will Nesthäkchen zum Alexanderplatz fahren, Honecker im Monbijoupark Hasen jagen oder Margot königlich reisen?

Richard Arnold Markus Held beging seinen ersten Diebstahl. Reiten hatte er als Kind gelernt, Reiten, das konnte er besser als lieben oder sozialistische Kinderköpfe formen. Er schirrte eines der Pferde aus, trank die letzte Flasche Wodka und ritt davon.

„So kommst du nie in den Westen“, sagten Gott und das Pferd gleichzeitig, vielleicht sprach aber auch nur Gott oder nur das Pferd. Held war sich nicht sicher.

„Dein Großvater hat sich schlauer angestellt“, schnaubte das Pferd und beschleunigte das Tempo.

„Was weißt du von meinem Großvater?“ schrie Held wütend und wirr vom Wodka und schlug dem Gaul in die Seiten. Das Pferd galoppierte fröhlich über den Alex, schlug vor einigen Volkspolizisten einen Haken und raste davon.

„Dein Großvater war der Handlungsreisende Richard Arnold Wohlrath und ich habe ihn und seinen vollgeladenen Karren über die Dörfer gezogen. 1940 sind wir nach Schweden geflohen. Vor den Ariern. War dieselbe Mischpoke wie dieses Arbeiter- und Bauernvölkchen.“

Held schüttelte seinen Kopf, schlug sich ins Gesicht. „Stell dich nicht so an“, sagte Gott. „Stell dich um Himmels willen nicht so an. Das Meiste ist eine Frage des Point of view. Ich habe einfach mehr Überblick“

Das Pferd galoppierte unaufhaltsam Richtung Glienickerbrücke und Held winkte allen Leuten und Uniformierten freundlich zu, das schien ihm das Beste in seiner Lage, die nur im Gefängnis oder einem Irrenhaus enden konnte: Das Pferd seines Großvaters spricht mit dem Enkel und begeht Republikflucht über die Agentenbrücke.

„Hast du ausfahrbare Flügel?“ fragte der Enkel das Pferd.

„Nein“, schnaubte der Gaul ungeduldig, „wir müssen den Landweg nehmen. Über die Brücke. Keine Sorge, ich bin euer Familienreisepferd. Ich kenne mich auf Schloss Glienicke und auf der Brücke aus.“

„Haben wir eine Ausreisegenehmigung?“ brüllte der Enkel dem Pferd in die Ohren. Bei dieser Frage lachte Gott so schallend laut, dass all den aufgeregten Polizisten und Grenzern die Befehle im Hals stecken blieben. Das Familienreisepferd war geübt im Wechsel zwischen scharfem Galopp und tanzenden Seitwärtsschritten, zwischen Sprüngen über Barrieren und treffsicherem Ausschlagen. Die ersten Uniformierten knickten zu Boden. Niemand von den Mauerbewachern begriff, was da geschah: die einen telefonierten mit den Vorgesetzten und diese Vorgesetzten wiederum mit ihren höheren und höchsten Vorgesetzten; die anderen, die Grenzsoldaten auf der Brücke, gingen in Schussposition, auf den Befehl wartend. Der aber kam nicht, da hätte der Ranghöchste der Brückenbewacher einen Laut von sich geben müssen, aber ihm hatte es die Stimme verschlagen und der Zweithöchste lag am Boden und schrie vor Schmerz.

Der Gaul und Richard Arnold Markus Held galoppierten über die Glienickerbrücke und erst als sie die Mitte passiert hatten, wurde auf Reiter und Pferd scharf geschossen. Da tat das Pferd einen hohen Sprung und weg waren der Gaul und der republikflüchtige Lehrer Held. Die Kugeln prellten kreuz und quer zwischen den Eisenstreben der Brücke ab, schlugen in der Havel ein und die Grenzsoldaten konnten es nicht fassen: Da war niemand mehr. Da war nur noch der Klang einer Stimme: „Ich habe kein Westgeld!“ Das war der Aufschrei von Held. Dann herrschte Stille auf der Glienicker Brücke, Stille und Staunen. Danach überschlugen sich die Befehle an den Brückenköpfen. Der Reisevorfall hatte monatelange diplomatische Verwicklungen zur Folge und keiner der Aktenträger wusste, worüber die nadelgestreiften Herren sprachen. Hatte der Westen den Mathematiklehrer Held zu seinem Galopp über die Brücke gezwungen, war das eine Ausreise mit menschenräuberischer Absicht? Oder war einem Agenten die Flucht geglückt.

Held wusste von all diesen Schwierigkeiten nichts. Er flog in hohem Bogen mit dem Gaul durch Luft, die immer weißer und dann immer blauer wurde. Er flog durch die Häuser des Himmels, bis ihm schwindelte und er sah mitten in der See die Inseln der Mitternachtssonne, die Shetland Inseln, galoppierte luftwärts über das antarktische Orkneyterritorium und die Faroe Inseln und landete auf einem Eisberg des Vatnajökull. Die Seeschwalben drehten noch ein, zwei Runden, dann verließen sie das Pferd und den Mann.

„Wo sind wir?“ fragte Held.

„Da, wo du hinwolltest. Auf dem Gletscher Vatnajökull“, antwortete das Pferd.

„So schön und ewig ist es hier“, seufzte, schrie und lachte der sozialistische Mathematiklehrer. „So schön. Weiß und Blau und eisig. So groß.“

„Meine erste Reise“, sagte Held.

„Wir müssen weiter“, sagte das Pferd. „Deine Wodkaflasche ist fast leer.“

Zwei Stunden galoppierte und flog das Pferd über Eisschollen und Eisseen, dann endlich waren Pferd und Mann in einer Siedlung vor der einzigen Kneipe am Hafen.

„Und was jetzt?“, fragte Held.

„Jetzt besorgst du dir die isländische Staatsbürgerschaft, vielleicht darfst du dann wieder in die sozialistische Republik einreisen. Oder du bleibst hier. Ich muss zurück.“ Das Pferd schüttelte sich.

„Aber dann sitzt ich ja wieder fest.“ Held klammerte sich in die Mähne.

„Besorg dir wieder ein Fahrrad“, schnaubte der Gaul und weg war er.

„Nastrovje“, sagte Richard Arnold Markus Held und hielt seine fast leere Wodkaflasche in die Runde. Die Männer tranken, erst Helds Flasche leer, dann kam eine Zweiliterflasche Icy auf den Tisch. Und am nächsten Morgen war der Enkel des Handlungsreisenden Richard Arnold Wohlrath einer von sechs betrunkenen Männern, die sich auf den Weg zum Hafen von Eskifjördür machten. Zur Arbeit auf einem Fischtrawler. Für Held gab es noch viel zu sehen.

© J. Monika Walther
www.jmonikawalther.eu

Die siebte Reisenotiz vom 15. Mai 2017

Vom Schreibtisch aus auf die Berge mit den Schneekämmen und weißen Mützen schauen. Auf die Abhänge. Blick heben und Berg sehen. Hinausgehen und im Kreis hinauf- und hinunterfahren. Zwischen den Bergen. Durch die Täler und wieder hinauf. Ausblicke, Überblick und Einblicke in die Landschaft. Tournanti.

Die drei Kurven eines Menschen, die sich immer wieder nähern und voneinander entfernen, beschreibt Marguerite Yourcenar: was ein Mensch gewesen zu sein glaubt, was ich sein wollte und wer Alice wirklich ist. Drei Welten, die es immer auszuhalten gilt. Deren Geschichten immer wieder variierend neu erfunden werden.

Merano Meran: Der Tag beginnt mit dem Angelusläuten der Kirchen und einem ersten Blick hinaus. Ist die hohe Weiße oder die Hochweiße noch da? Hat sie ein goldenes oder rosafarbenes Mützchen? Eine Nebelhaube? Segeln weiße Kumuluswolken über die Ötztaleralpen? Später dann Hefezopf, Croissants und Kaffee auf der Terrasse. Dem Zimbelgeläute der Pfarrkirche St. Georg in Obermais zuhören. Elf Glocken, gestimmt von es’, b’, einem zweigestrichenen Des bis zum f’’. Das Läuten der Einzelglocken, kunstvolles Gruppenläuten und das Plenum. Über die Ostertage das Festtagsläuten der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus mit ihren sieben Glocken. Alles Läuten beginnt mit einem Vorspann, einem Signierläuten mit einer Einzelglocke. Ein großer Unterschied zwischen protestantischem sparsamen Bimmeln, wie ich es aus den Niederlanden kenne und auch mag, und dem vollen Klang all dieser Geläute in musikalischer Fülle und katholischer Lebensfreude.

Alice und ich freuen uns über das Läuten. Wir hören das Osterfest. Vor uns der schöne Glockenturm der alten Maria-Trost-Kirche. Vor uns der Blick auf Ober- und Untermais. Oberschicht mit ihren alten und neuen Villen, prächtige Hotels. Weiter oben thront das Trauttmanndorffer Schloss über Meran. Ein Kasten. 1870 und 1889 erwählte die Kaiserin Elisabeth von Österreich das Schloss für ihren Kuraufenthalt in Meran. Die italienischen Faschisten haben die Besitzer enteignet, die deutsche Wehrmacht nutzte das Schloss. Nun pilgern die Touristen in Scharen zu den Gärten.
Untermais. Maia Bassa war wie Obermais ein eigenes Dorf, gelegen zwischen Passer und Etsch, ursprünglich eine römische Zollstation, Sitz eines Klosters, mit einem eigenen Rathaus und vielen kleinen Betrieben, Pensionen, Wohnungen. Keine Villen. Kleine Leute.

Alice und mir fällt auf, dass fast alle Häuser und Wohnungen über Balkone verfügen. Balkone sind Wunsch und Standard, aber niemand sitzt draußen. Und wir staunen über die Kunst der Einheimischen, auf dem kleinsten Hinterhof Parkplätze zu schaffen. Bei Garagen gibt es Not. Bei Wohnungen auch. Und so wird im Tal jeder freie Zentimeter verbaut und liegen die Häuser immer höher und noch höher. Manchmal bleibt es rätselhaft, wie die Bewohner ins Tal gelangen. Und bei der Fahrt zum Jaufenpass hinauf, wird klar, dass die Bauern und Bewohner beim Einkaufen nichts vergessen sollten. Die Kehren und Kurven dauern, dann kommt die Augenhöhe mit den Bergspitzen und noch ein Hof, eine Pension, ein Bergblick. Wie ist das im Winter, wenn nur die gelb-schwarzen Stecken anzeigen, wo die Straße ist oder wenn der Pass gesperrt ist?

Alice und ich fliegen jeden zweiten Tag aus. Hinauf hinab, im Kreis. Tournanti. Einen Tag lesen wir, gehen einkaufen, sitzen im Kofler mit dem doppelten Schwarzen, den nächsten Tag fahren wir herum. Merano ist mehr als die Stadt. Meran ist das Tal, die Dörfer, die Gegend, die Ausblicke. Der Schinken, das Schüttelbrot, das Safranbrot, die Restaurants. Die Apfelblüten, das Aufscheinen der Sonne über den Dolomiten, den Kitzbüheleralpen. Den Ötztalerbergen. Die Pässe, Täler, Bergseen. Und eine fast grenzenlose Ausbeutung durch den Tourismus. Geldgier. Zwischen dem Verdienen und die Landschaft vermarkten, gibt es Tiroler Speck, Südtiroler Lachen, Essen, Geschäftigkeit. Blicke. Köstlichkeiten. Bergspitzen und Berge aller Formen.

Beim Brückenwirt in Sankt Leonardo trinken Alice und ich das rotschimmernde Höllenbier, vor uns der Jaufenpass. Hinter dem Lago di Zoccola, auf der anderen Seite von Meran, hinter St. Walburga, essen wir eingelegtes Rindfleisch, hauchdünn geschnitten, Carpaccio vom Hirsch, Löwenzahnnnudeln. Wir verlassen die autonome Provinz Südtirol und fahren ins Trentino, in die autonome Provinz Trient. Durch Castelfondo und Fondo, Richtung Bozen. Wälder, Holzwirtschaft, Schnee und die Hänge voller Apfelblüten. Rosafarben. Wir streifen Venetien. Alice und ich kommen herum. Im Trentino gibt es neben Deutsch und Italienisch noch drei Sprachen: Ladinisch, Zimbrisch und Fersentalerisch. Die gezackten Berggipfel der Dolomiten sehen wir von der Ferne. Da wollen wir hin.

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Alice und ich fahren nach Bozen, dann Richtung Welchnofen, vorbei am Karersee. Ein tiefgrün leuchtender See, der dazu dient oberhalb in einem hässlichen Bau Schmuck und Tant zu verkaufen. Schnell weiter und höher. Es beginnt zu schneien auf der Via Dolomites. In Canazei. Alice und ich kehren im Restaurant Laurin ein, essen Lasagne und hören vom Kampf des Zwergenkönigs um seinen Rosengarten. Um seine Liebe zur Königstochter Similde. Aber er wurde von Dietrich von Bern und seinen Rittern und Söldnern besiegt. Wer kann auch einen blühenden Rosengarten mit einem Seidenfaden schützen. Laurin und der Liebe zu Ehren glühen die Alpen an manchen Abenden glutrot. Rosengarten. Es gibt viele Geschichten um Laurin.

Weiter nach Vigo die Fassa. Soraga, Moena. Immer höher. Näher kommen die kantig gezackten Dolomiten. Fango, dann der Passo San Pellegrino. Die Dolomiten und - eine Geisterkulisse. Riesige leere Parkplätze. Hässliche Hotelanlagen aller Preiskategorien, abgeschlossen, leer. So wollen die Leute also ihre freien Tage verbringen. Im Winter hochgondeln, abfahren, all inclusive im Hotel leben. Dann werden die Pappmascheehotels abgeschlossen und im Juni kommen die Mountainbiker und Wanderer. Dann wird die Geisterstadt wieder aufgerüstet. Im Mittelalter war die Straße ein Saumweg. 1358 kamen Mönche des Ordens „San Pellegrino“. Sie gründeten auf der Passhöhe ein Hospiz. In den Kriegen wurde die Straße als Militärstraße gebaut, der Strategie wegen. Ein Seidenfaden nützt auch heute nicht zum Schutz der Natur. Über Falcade und den Rollepass, über Löweneck und St. Michael an der Etsch fahren Alice und ich nach Hause. Ja, wir sind froh wieder die Hohe Weiße zu sehen, auf der Terrasse noch ein Brot zu essen, müde zu sein. Rosa Wolken ziehen durch den Himmel über Meran. Kämpft König Laurin noch?

Meran ist eine geschäftige kleine Stadt, mit viel Verkehr und eilenden Touristen, Baustellen, aber bis neun Uhr herrscht eine Ruhe. Das Angelusläuten weckt, danach ist wieder Stille, dann die ersten Autos, Stimmen, Zurufe. Die ersten Einkäufe. Brot, Zeitungen, Zigaretten. Noch keine Hektik. Auch Alice und ich bleiben gelassen.

Ich bin Alice, weil es so leichter mit dem Erzählen geht. Alice ist ich und macht, was sie will. Heinrich Heine versucht in seinen Reisebildern einen anderen Weg. Er reist allein und mit sich, aber er schreibt in seinen Reisebildern so, als schaue er sich zu, wie er reist und was er sieht, wie andere ihn wahrnehmen. Andere, die ihm zuschauen, wie er reist, was er sagt, wie er sich verhält. Er benutzt seine Italienreise, um zu träumen: „In diesen gebrochenen Marmorpalazzos klingen die Seufzer viel romantischer, als in unseren netten Ziegelhäuschen, unter jenen Lorbeerbäumen lässt sich viel wollüstiger weinen als unter unseren mürrisch zackigen Tannen…“ Er beobachtet und erfindet. Die Reisestationen sind Ausgangspunkte für Heinrich und für Heine zu erzählen, was er will. So entstehen sein Italien und sein Bild von Tirol um 1828.


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Er notiert: „Die Tiroler sind schön, heiter, ehrlich, brav, und von unergründlicher Geistesbeschränktheit. Sie sind eine gesunde Menschenrasse, vielleicht weil sie zu dumm sind, um krank sein zu können. ... Der Tiroler hat eine Sorte von lächelndem humoristischen Servilismus, der fast eine ironische Färbung trägt, aber doch grundehrlich gemeint ist. Die Frauenzimmer in Tirol begrüßen dich so zuvorkommend freundlich, die Männer drücken dir so derb die Hand, und gebärden sich dabei so putzig herzlich, daß du fast glauben solltest, sie behandelten dich wie einen nahen Verwandten, wenigstens wie ihresgleichen; aber weit gefehlt, sie verlieren dabei nie aus dem Gedächtnis, daß sie nur gemeine Leute sind, und daß du ein vornehmer Herr bist, der es gewiß gern sieht, wenn gemeine Leute ohne Blödigkeit sich zu ihm herauflassen. Und darin haben sie einen naturrichtigen Instinkt; die starrsten Aristokraten sind froh, wenn sie Gelegenheit finden zur Herablassung, denn dadurch eben fühlen sie, wie hoch sie gestellt sind.“ 1828. Einige reisten ins Land der blühenden Zitronen und schrieben davon. Tirol, Südtirol war aber meist nur Durchgangsstation. Alpen sehen und weiter. Venedig, Florenz, Toscana.

Alice geht einkaufen. Und kann sich nicht sattsehen an allem, was es in diesem Supermarkt gibt. Feinstes Lammkotelett, Tintenfische jeder Art. Geräucherte Fische. Forellen, Heringe, kleine geräucherte Aale. Marinierte Sardinen. Melonen und Erdbeeren. Milch aus der Region, Butter aus der Region. Bergkäse. Schinken und Speck. Duftenden Kaffee. Ein Paradies. Nein, der italienische Schinken hat im Geschmack wenig mit dem Schinken zu tun, der in Deutschland aus Italien verkauft wird. Alice kauft Eis, alle Sorten Tomaten, die zu bekommen sind. Jede schmeckt anders, alle sind fleischig. Süß und herb. Ich bestaune die Fülle, die Düfte. Ich nehme den Tintenfisch auseinander, schneide ihn in Stücke, dazu Zwiebeln und Tomaten. Spaghetti. Wir essen. Und planen die nächsten Ausflüge.



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Zum Gardasee. Bei einer Reise nach Korsika fuhren Alice und ich am Comer See entlang, bis nach Lecco, um zu sehen, wo Alessandro Manzoni gelebt hatte. "I promessi sposi" (Die Brautleute) nennt der Schriftsteller das Buch, das 1827 in Mailand erscheint und zum wichtigsten Roman des neuen Bürgertums wird. Damals arbeitete ich an einem Feature über Manzoni und an dem Hörbuch zu „Den Verlobten“. Bis nach Bergamo fuhren wir, wohin die Liebenden im Roman flohen. Italien mit seinen Umbrüchen und Kämpfen im 17. Jahrhundert. Der Comer See schien uns geheimnisvoll und dunkel.

Zum Gardasee fahren wir bis Trent und dann seitlich in die Berge. Nach Sopramonte. Vorbei am Lago di Toblino, weiter nach Drau und Arco bis Riva de Garda. Riva gehörte früher einmal zu Österreich-Ungarn und wurde damals auch Reiff am Gartsee genannt. Noch im Ersten Weltkrieg war Riva Festung. Zwei Strandbatterien und viele Teile der Befestigungsanlagen sind noch anzuschauen. In Riva macht die Straße eine Kurve und der Gardasee leuchtet. Ein strahlendes Blaugrün. Die Sinne glauben kaum, was zu sehen ist. Diese Farben, Palmen, Olivenbäume. Die Herzensblumen öffnen sich. Aber Alice und ich sind nicht alleine am Ostufer des Gardasees. Wir sind zwei von Tausenden. Auch am Gardasee wird jeder Zentimeter touristisch genutzt, ausgebeutet. Und doch ist der See wunderschön in seiner Klarheit, mit den Bergen rechts und links, den Blicken, den Festungen, Türmen. Den Stegen ins Wasser. Wir staunen. Hinter Navene fahren wir die Hügel hinauf und schauen zwischen den Zypressen und Palmen über den Gardasee. Hinter Malcesine finden wir ein kleines einfaches Restaurant. Terrasse direkt am See. Al Vogaor. Wenig Touristen, Einheimische. Kein Schnickschnack. Vorspeisen, dann Lachsforelle und Oktopus. Keine Gummiringe, sondern ganze Tiere gegrillt, butterweich. Die Sonne, der See. Rotköpfige Enten tummeln sich am Ufer. Ruhe. Ein kleines Glück. Der Nachtisch und Kaffee auch.

Weiter auf der Uferstraße. Hotel reiht sich an Pension, Restaurant an Imbiss. Nach Torri del Benaco weitet sich der Blick über den Gardasee. Im 15. Jahrhundert wurde die Gemeinde vom Dogen zu Venedig zum Hauptsitz der Gardesana dell'Acqua ernannt. Dies war ein Zusammenschluss von zehn Gemeinden zur eigenständigen Verwaltung und zur Unterbindung des Schmuggels zum Westufer des Sees. Benaco ist ein anderer Name für den Gardasee, Betonung italienisch Ben
ȧco. Ein schöner Ort. Mit einer großen Scaligerburg, die im Jahr 1383 zum Schutz des kleinen Hafens gebaut wurde. Krieg war immer und überall. So gibt es auch ein Denkmal für die gefallenen Marine-Soldaten in der Baia dei Pini. Bevor der Tourismus die Landschaften prägte, waren es die Kriege. Dazwischen sind die Arbeiter und Bauern. Die Bürger. Was sie erarbeiten, wird durch die Kriege, an denen nur wenige verdienen, wieder zerstört. Graf Carlo Bettoni-Cazzago sorgte sich um die Zitronenzucht am Gardasee. Damit die Südfrüchte den Winter überstehen konnten, entwickelte er Ende des 18. Jahrhunderts die Zitronengewächshäuser. Dazu trieb er zehn Meter hohe Pfosten in die Erde und umgab sie an drei Seiten mit Holz. So konnten erfolgreich Zitronen angebaut werden. Im sehr kalten Winter 1928/29 erfroren dann alle Zitronenbäume rund um den Gardasee, weil das italienische Militär das Holz der Limonaien am Ende des Ersten Weltkriegs zum Bau von Kasernen beschlagnahmt hatte. Krieg ist immer. Kirchen sind auch überall. Die kleine Barock-Kirche „Santi Pietro e Paolo“ besitzt eine wertvolle Orgel. Und eine Organistin übte. Bach. Mehr Frieden geht nicht.

In Garda wird der See breit. Touristen, Jachten und Hotels verstellen alle Blicke. Zu viel Menschen für diesen Ort, der sich über die Hügel und in die Höhe ausbreitet. Weiter geht es in die Provinz Verona. In Bardolino trinken wir noch einen Wein. Bardolino. Kirschrot und fruchtig. Dann schnell quer durch all die Häuser, Menschen, Stände zur Autobahn und nach Merano. Die Bergformen sind schon bekannt, die Namen werden vertrauter. Die Peter-Mayr-Straße. Die Terrasse. Die Glocken läuten. Ich nehme die Alpenkarte. Wie heißen sie alle? Die Gipfel. Sarntaler Alpen Das Virgiljoch. Mutspitze. Taufenscharte. Marlinger Berg. Der Nolp. Pfitchkopf und Hahnenkamm. Spronser Rötelspitze. Die hohe Weiße. Viel Sprache und Lautmalerei.

In zwei Dörfern entdeckte ich über dem Laden das Schild Fleischhauer. Deutsch, Italienisch, Habsburgerisch. Ladinisch, viele Dialekte. Geschichte und Kriege. Hin und her, hinauf und hinter. Tournanti. Alice und ich kreuzen und queren Tirol noch eine Woche, fahren nach Verona und Triest. Dann sind wir satt, sitzen auf der Terrasse und wissen, dass wir den Berg, das Essen vermissen werden. Ein paar Wochen. Zurück geht es bei Nebel und Schnee über den Jaufenpass. Im Schritttempo. Die Zugspitze sehen wir nicht. Die Wolken hängen tief in den Wäldern. Bis kurz vor Stuttgart sind die Weinberge und Felder eingeschneit. Am Abend scheint über Westfalen die Sonne auf. Zuhause. Ohne den Berg vorm Fenster.

Die sechste Reisenotiz vom 5. Mai 2017

Ich nenne die Frau Alice, englisch oder italienisch ausgesprochen. Alice im Wunderland. Alice. Ich bin sie. Sie ist ich. Wir fahren nach Meran. Ich lerne das noch mit dem Ich.

Alice plant ihre Reise sehr genau. Ich bin so, anders hätte ich das Chaos meiner Kindheit nicht überstanden, die ewigen Ortswechsel. Wenigstens im Kopf und in meinen Hosentaschen, in meinem kleinen Koffer mussten Ordnung und ein Plan sein.

Die Kamera und alle Kabel. Ultrabook und alle Kabel, Stecker. Handy. Viele Kabel. Ein Koffer. Ein Kissen. Reiseführer, Karten. Ein Notizbuch. Bücher. Auch die Reisebilder von Heinrich Heine. Von München nach Genua. Er hofft, dass das Wetter schön wird und Heine stellt fest, dass er ein höflicher Mensch ist. Aber auch seine geduldige Höflichkeit hat Grenzen gegenüber anderen Reisenden. Er gelangt über Innsbruck in das schöne Südtirol. Er schreibt von Herzblumen und erschrickt beim ersten Blick auf die mächtigen italienischen Alpen. Auch vom Sandwirt Andreas Hofer erzählt er. Beim Sandwirt im Passeiertal, in St. Leonardo, werden Alice und ich essen, in der Sonne sitzen, einen guten Weißburgunder trinken und spüren wie die Herzblumen wachsen. Mit Zwetschgenknödeln immer.

Ich, also Alice, wir fahren von Hiddingsel im Münsterland, über die Sauerlandlinie; bei Heppenheim die ersten Weinberge und weiter geht es vorbei an Heidelberg und Ulm, Richtung Lindau. Nach Wasserburg. In die Bucht, die im zehnten Jahrhundert den Mönchen aus St. Gallen als Zufluchtort vor den plündernden Ungarn diente. Krieg ist immer. Die Schellenberger Mönche bauten Türme, Burg und Kirche. Heute hat die Halbinsel ein Hotel, Restaurants, eine Imbissbude, einen Schiffsanleger und einen kleinen Hafen. Als Kind war Alice gerne in Wasserburg, in dieser Bucht. Damals, in den 50er Jahren standen ein paar alte Villen mit ihren Badehäuser. Auf Leitern wurde hinunter ins Wasser gestiegen. Schilf wuchs. Sonst war da nichts. Die Wellen und der Blick über den See. Zur Rheinmündung und nach Rorschach.

In Wasserburg übernachtet Alice unter einem Gemälde voller dicker Engel und in einem Bett mit Baldachin. Das Hotel hat eine Terrasse direkt am See. Näher dran geht nicht. Alice isst einen Saibling aus dem Bodensee und sieht einen glühend roten Sonnenuntergang. Eine halbe Stunde dauert es bis zur Dämmerung und einem rötlich schimmernden See. Vom Zimmer aus sieht Alice die Alpen. Dort fährt sie am nächsten Tag hin. Über Bregenz und Bludenz und will über den Silvrettapass, aber der ist gesperrt, also Umkehr. Durch ein tristes Österreich, mürrische Leute, dann ein Stück Italien, zurück nach Österreich und in die Schweiz. Ein zollfreies Dreiländereck mit Verkaufsbuden an den Straßen. Zigaretten, Parfüm, Kaffee, Schokolade und Tankstellen.

Am Abend und nach vielen Kehren, einspurigen Tunneln, immer im Kreis, landet sie hoch oben im Operettendorf Samnaun. Schnee vorm Balkon und Piste. Ein Kunstort mit vielen Touristen, die Ostern Ski laufen möchten. Kein einziges altes Dorfhaus. Alles neu hingesetzt. Nur eine Kapelle erinnert, dass es einmal Land ohne Touristen gab, ohne Busse, die Leute einsammeln und zu den Liften fahren. Dann mit den Großraumgondeln nach oben, auf den in den Berg geschlagenen Pisten nach unten. Hinauf. Hinunter. Egal ob auf echtem Schnee oder weißem Kunstnass. Ein Wirtschaftszweig, der Geld generiert und neue Bauten in den Bergen für noch mehr Touristen.

Alice trinkt einen Gin Tonic und isst lauter gut, trinkt roten Zweigelt. Beim Frühstück sagt die Hotelinhaberin: Schweizer Käse und Schweizer Schokolade, das ist Schweizer Qualität. Alice nimmt ein perfekt gefärbtes Osterei mit, passiert den Reschenpass, vorbei an der Festung Nauders. Seit den Römern wird um diesen schmalen Durchgang von Österreich nach Italien gekämpft. Eine Burg und eine gespenstische Festung. Weiter geht es in das blühende Vinschgau. Alice kommt aus dem Staunen nicht heraus. Auf jedem Fleckchen Erde Apfelsträucher, in voller Blüte. An den Hängen sorgfältig aufgebundene Weinreben. Schlanders. Naturns. Mittags die erste Pizza.

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Ein einfaches Restaurant mit dem Angebot eines Arbeitermenüs. Mezzogiorno menu per lavoratori. Alice isst Pizza und weiß nun, dass die deutschen Italopizzen nichts mit einer italienischen Pizza zu tun haben. Merano ist angezeigt. Alice fährt in das blühende Tal, das sich von Meran nach Bozen erstreckt. Sie sieht das erste Mal die Passer und den hohen Weißen, der über Meran wacht. Mit seinen Schneefeldern und weißen Kanten. Sie fährt in die Peter-Mayr-Straße. Sie trinkt in der Bar Kofler den ersten Schwarzen, kauft im Laden um die Ecke das erste Schüttelbrot und hauchdünn geschnittene Mortadella, Bergkäse und den roten Magdalenenwein.


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Dann sitzen Alice und ich auf der Terrasse, schauen über die Viertel Untermais und Obermais, hinüber zur schönen Maria-Trost-Kirche. Hinauf zu den Bergen. Wir haben noch viel vor: Schauen, Herumfahren und Schreiben.

Die fünfte Reisenotiz vom 11. April 2017

Es wird Zeit, dass ein Gedenktag der verpassten Gelegenheiten eingeführt wird. Ein Gedenktag für Menschen, die vor einem warmen Gin Tonic sitzen und wissen, was sie verpassten. Immer wieder. Andere und sich selbst. Dafür gab es warmen Gin Tonic. Es wäre an der Zeit, wenn Zeit wäre. Ein Glas mit warmen Gin Tonic ist die Hölle der Trinkenden und Verdurstenden. Ihrer muss gedacht werden. Eine Schweizer Kanzlei aus Zürich hat sich der Sache angenommen. Sie gedenkt aller basisgekippten Dinge, Situationen und Menschen. Auch der kalten Schulter. Und der verpassten Gelegenheiten. Der Innenfutter und der beiden Hälften. Des Rühreis. Des Stichwortes. Keinen warmen Gin mehr -

Ich lese alte Notizbücher. Zettel mit Ortsnamen und Daten. Wer war wann wo. Oder sollte wo sein? Lese von verpassten Zügen. Menschen, die nicht am vereinbarten Ort warteten. Von Verabredungen, die nicht eingehalten werden konnten. Weil Bomben fielen, Menschen verhaftet und deportiert wurden. Tausend menschenfeindliche Gründe - verursacht von Menschen. Weil Grenzen und Mauern gebaut, Minenfelder angelegt wurden. Durch die Familiengeschichte, durch die Ost-Westwanderungen ziehen sich die verpassten Treffen. Oder die Absurden: Die Verwandten standen in der DDR am Fuß des Brockens, am Ende des Sicherheitsringes, den die Russen gezogen hatten. Der andere Teil der Familie schaute von der Westseite zum Brocken hinauf und in Gedanken wieder hinunter. So war es auch bei den Treffen an der Elbe. Niemand sah niemanden, aber auf beiden Seiten wurde gewinkt und voneinander erzählt. Die Treffen in den Gaststätten auf der Transitstrecke nach Berlin waren gefährlicher. Auch wenn niemand mit niemandem sprach und nur heimliche Blicke getauscht wurden. Aber die Stasi war immer da. Ein einziges Mal wurde ich, das kleine Mädchen, vorher stundenlang instruiert, um auf dem Parkplatz, ganz am Rand, Onkel Werner Tabletten zu geben, die er brauchte. Besorgt hatte sie jemand in der Schweiz und einem Matrosen, der auf der Fähre arbeitete, mitgegeben. Dieses eine Mal hatte die Stasi nichts mitbekommen. Zum Glück. Meine Mutter und ich hatten die kommunistische Diktatur noch vor dem Mauerbau verlassen. In den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit war die Familie schon vor 1950 notiert. Nahtlos weiterbeobachtet. Erst Gestapo, dann Stasi. Unzählige Fake News als Beobachtungen notiert und daraus neue Fakten geschaffen, Wahrheiten generiert. Neue Akten angelegt. Frau M. trank keine Maibowle bei der Betriebsfeier des VEB Buchhaus Leipzig. Warum? Frau M. wurde verdächtigt, sich nicht einfügen zu wollen.

Ich sortiere Fotografien. So viele graue und beige Kartons, auf denen Männer und Frauen, Damen und Hochzeiter würdevoll stehen, warten, bis der Fotograf seine Arbeit getan hat. Ich kenne sie nicht alle, weiß nur von wenigen, wie sie gelebt haben. Was sie geschaffen und was sie erlebt haben. Einer ließ sich mit seiner Schwester am Schachbrett ablichten. Beide lachen, sind stolz auf das Moderne. Der Mann war ein kleiner Sekretär bei der Post, sie eine Angestellte in einem Bekleidungsfachgeschäft für Damen. Beiden ist die Freude über das Fortkommen anzusehen. Sie sind in der neuen Zeit, mit Stehkragen und Korsett. Sie spielen Schach und lachen. Ein fröhliches Foto zwischen all den steifen Kartons.

Die Schnappschüsse beginnen später. Nach 1933. Letzte Fotos. Ein Paar im Schnee. Ein Mann in Reichsbahnuniform. Ein Mann in Uniform und zwei Männer mit Koffern in den Händen. Drei Frauen mit Hüten, ernst. Ein Mann im Wehrmachtsmantel vor einer Lokomotive in Pleskau. Daneben ein älterer Mann. Unterschrift: mein ukrainischer Koch. Ein Foto zeigt Menschen um einen Tisch; alle ernst und hager. Eines eine Schiffsbrücke in Rotterdam. Ein Schnappschuss aus Ostende, einer aus Dover.

Das Ablichten beginnt wieder nach 1945. Trümmer und Ruinen werden nicht fotografiert, aber die Lebenszeichen. Mutter und Kind vor einer Haustür. Mann neben einer Lokomotive. Familie vor einem Kamin, über dem das Bild der englischen Königin hängt. Elisabeth, die Zweite. Im Jahr der Krönung. Onkel in Hamburg vor einem Frachtschiff. Familie an der Außenalster. Keine Bilder aus der DDR.

Ich entdecke ein kleines Foto. Hundert kleine weiße Zähnchen. Romanshorn steht auf der Rückseite mit Bleistift. 1949. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit der Trajektfähre von Friedrichshafen nach Romanshorn. Ich liebte vom ersten Augenblick an als Kind die Schiffsfahrten auf dem See. Mit zehn Jahren verbrachte ich viele Ferientage damit auf der MS Schwaben, auf der Friedrichshafen oder der Fähre den See zu kreuzen. Die Kapitäne nahmen mich gerne mit und hinauf auf die Brücke. Erst auf das Ablegen schauen. Die Matrosen, die Taue, das Manöver. Dann auf die Kaimauern, die Menschen am Ufer, sehen, was immer kleiner und ferner wird, aus dem Blick verschwindet. Dann der See, das schillernde Wasser, die Strömungen, die Farben und – dann die Berge, die immer näherkommen, das andere Ufer. Menschen, die am Ufer stehen. Das Schiff legt an.

Auf dem Bild sind Absperrbänder gezogen. Meine Mutter und ich haben die Fähre verlassen. Schweizer Boden betreten. Ausland. Wir hatten eine Sondergenehmigung der französischen Militärregierung. An diesem Tag mit der Fähre nach Romanshorn zu fahren, den Schweizer Uferstreifen zu betreten bis zum Absperrband. Und den Laden, der vor dem Absperrband seine Geschäfte betrieb. Schokoladen aller Art. Schokoladenkekse. Schokoladeneier. Schokoladendreiecke. Orangen. Zitronen. Kaffee. Tee. Ein schöner unbekannter Duft. Ein Franken kostete zehn Mark. Meine Mutter kaufte Kaffee, Tee. Mir schenkte eine Schweizerin eine Orange und ein bergiges Schokoladendreieck. Mit dieser Beute rannte ich nach draußen bis zum Absperrband. Dort winkte ein Mann, dann drängte er sich durch. Direkt vor mich. Schaute nach rechts und links zu den Schweizer Polizisten, die am Ende der Absperrung standen. Nimm, sagte er. Nimm. Die Schlaufen zweier prall gefüllter Leinenbeutel drückte er in meine Hände. Geh! Ich ging vorsichtig zurück. Die Orange kullerte davon. Ich stellte mich neben das rote Ding. Ich wusste da noch nicht, dass die Kugel eine Orange war. Der Mann drängelte sich zwischen den Menschen wieder von der Absperrung weg. Er stellte sich neben eine Frau und zwei Mädchen. Dann winkten alle vier. Ich sah, dass meine Mutter auch die Hand hob, kurz winkte, mir die Beutel abnahm. Die rote Kugel aufhob, zum Schiff ging. Nichts sagte. Vier Menschen winkten. Die Absperrbänder flatterten. Die Fähre hupte. Ich winkte zurück. Ein Mann drückt mir noch eine Tafel Schokolade in die Hand, über das Absperrband hinweg, dann lief ich auf das Schiff. Wer hatte fotografiert?

Die winkende Familie mitten in der Menschenmenge auf der Schweizer Seite. Das Absperrband zwischen den Menschen. Mich, die ich winke. Das Kind. Wer waren diese Leute? Eine kleine Fotografie, die sich nicht enträtseln lässt. Jemand hat fotografiert. Das Foto ist jetzt in meinem Besitz. Eine mir unbekannte Familie steht 1949 auf der Schweizer Seite, übergibt Lebensmittel und Franken einem kleinen Mädchen. Meine Mutter kennt diese Familie.

Das Foto ist voller Menschen auf beiden Seiten des Absperrbandes. Vor dem Laden warten die Leute in Schlange. Manche Fahrgäste stehen dicht an dem Band und umarmen Menschen auf der anderen Seite. Winken und Rufen. Um in dem Laden einzukaufen und Verwandten zuzuwinken, deswegen sind die Leute von Friedrichshafen nach Romanshorn gefahren. Sie durften zwar vom Schiff herunter, aber nicht in die Schweiz, nicht in die Stadt. Nur in diesen einen Laden und bis zu dem Band. Dafür galt der Passierschein der französischen Militärregierung. Die Schweizer Behörden erlaubten nicht mehr. Die Schweizer durften aber auch nicht auf die Fähre und über den See fahren. Sie durften nicht aus ihrer Schweiz hinausfliehen und Verwandte in der französischen Zone, in der Bundesrepublik besuchen.

Auf dem Schiff schälte mir ein Matrose langsam und sorgfältig die rote Kugel. Er roch an der Schale, drückte jeden Tropfen Saft heraus, teilte die Orange in ihre vielen Schnitze. Erst aß ich alleine und der Mann erzählte mir, dass in Italien und Spanien, in Afrika und anderswo Sträucher mit Orangen wachsen. Dann nahmen wir abwechselnd eine Scheibe. Ich war das erste Mal in der Schweiz gewesen, aber ich hatte keine Ahnung, was Schweiz war. Ich mochte den See und dahinter die Berge. Am liebsten war ich auf dem See. Vor den Bergen. Davon gibt es keine Fotografie.

Die vierte Reisenotiz vom 25. Januar 2017

Die Geräusche im Hotel. Geschirrklappern, Rufe, Türen. Lärm von der Straße. Geschrei. Nie Stille. Selbst nachts sind die schlurfenden Schritte, die Angst, das Gemurmel zu hören. Heinrich Heldt notiert. Tag für Tag. Auf der Flucht. Ende 1938. Er wird mehr Welt kennenlernen, als er wusste, dass es Welt und Länder gibt. Leipzig, Berlin, dann der Hamburger Hafen. Das war sein Weg gewesen. Einmal war er nach Ostende gefahren. Zur Ablieferung eines Überseedampfers. Während der Überführung wurde an der Inneneinrichtung weiter gebaut. Heldt liebte die Schiffe auf dem Trockendock mehr als auf See. Er liebte das erste Gerüst, das für den Bau der Passagierdampfer gezimmert wurde. Er liebte die Reparaturen an den Frachtern. Das Hämmern und Schweißen. Das Klirren der Nieten. Den Geruch. Den Lärm. Und jeder Arbeiter wusste, was er tun musste, damit das Schiff zu Wasser kam. Ein Konzert der Geräusche. Kaum Befehle. Morgens um sechs besprach er sich mit allen. Ingenieur Heldt. Kaffee, Brote. Fisch. Geräucherte Makrelen. Hering. Krabben. Er liebte die Gerüche. Ein winziges Büro hatte er. Mit den Zeichnungen. So bald es möglich wurde, verlegte er seinen Arbeitsplatz auf das Schiff. So war er zwischen den Welten. Nicht zu Land und nicht zu Wasser. Aber mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Zukunft. Ein neues Überseeschiff. Ein fahrtüchtiger Frachter. Das waren seine Träume.

So lebte er gerne. Er lief durch Hamburg, er rannte. Hamburg war seine Stadt geworden. Weg von Leipzig und der großen Familie, weg aus Berlin. In Hamburg heiratete er. Im Michel. Drei Tage mit seiner Nelly am Timmendorfer Strand. Er hatte eine eigene und neue Familie. Aber auch da kümmerten sich alle und waren bekümmert. Auch da wurde an jedem Schabbes gesagt: Wir müssen zusammenhalten. Heinrich war stolz auf seine Frau, er liebte sie und die Kinder, aber er verabscheute diese Bedrücktheit, auch wenn er einsah, dass sie berechtigt war. Was konnte er tun? Er wollte Schiffe bauen. Seine Schiffe. Er hatte Pläne. Eine Werft für Frachter. Seine Werft. Er wollte einen guten Platz im Hamburger Hafen sich erarbeiten. Aber die Zeiten wurden so bedrückend wie die Redereien in der Familie. Die Ersten verließen Leipzig und kamen nach Hamburg. Die Ersten verließen dieses Deutschland.

Er besorgte für seine Frau und die beiden Mädchen Pässe und Visen für England. Sehr früh. So früh, dass niemand Verdacht schöpfte. Ein Besuch in Liverpool. Bei einem angeheirateten Geschäftspartner der Rederei. Ohne großes Gepäck. Nur für eine Woche. Er kümmerte sich um Pässe für alle in der Familie, die wegwollten, aber das waren nicht viele. Die meisten wollten bleiben. Trotz der Schreierei im Radio, trotz der Hakenkreuze an der Wand. Und auch Heinrich wollte so lange nicht weg, bis es fast zu spät war. Einer Verhaftung entging Heldt, weil er meist in der Werft schlief, in einem der Schiffe. Versteckt. Weil seine Leute ihn mochten, weil die Reederei ihn brauchte. Seine Frau Nelly verzieh Heinrich nicht, dass er nicht mit ihr und den Kindern geflüchtet war, dass er nicht nachkam.

In Meran duften die Apfelblüten. Heinrich Heldt notiert.
Seit dem März 1938 ist die Einreise für Juden nach Tirol verboten. Nur die Durchreise ist erlaubt. Ich bin auf der Durchreise. Ich weiß nicht, wohin mit mir? Wieso habe ich kein Zuhause mehr?

Heldt saß hier schon Wochen. In Meran. Ein Jude. Juden. Keine Deutschen, keine Österreicher. Juden. Meran als Zuflucht. Gerade noch über die Grenze geschafft. Er war kein Hamburger, nicht in Leipzig geboren. Er war Jude. Und er wusste nicht so genau, was ein Jude war. Er wusste, wie Schiffe gebaut wurden. Und dass in der Familie am Freitagabend Schabbes gefeiert wurde. Aber alle hatten durcheinander geheiratet. Schönheit, Geld, Kultur. Protestanten und Juden, weil anderes wichtiger war. Nicht die Jüdischkeit, sondern die Pläne. Zukunft, Arbeit, Liebe. In den Familien wurden Chanukka und Weihnachten gefeiert. Alle aßen Schinken. Alle wollten es zu etwas bringen, sich beweisen. Sich engagieren für das, was sie taten und für gut hielten. Für den Kaiser, fürs Vaterland, für Ebert und die Republik, für die Sozialdemokraten, für Gerechtigkeit. Für gutes Essen. Manche waren konservativ, andere liberal. Einer war Monarchist, einer Kommunist. Aber Juden waren sie nicht. Sie waren Preußen, Deutsche, Berliner, Hamburger, auch Juden und manchmal gingen sie in die Synagoge oder in die Kirche. Dem Mann, der Frau zuliebe.

Sah er anders aus? Nein. Dunkelbraune Haare, ein rundes Gesicht. Er trug einen gut sitzenden dunklen Anzug. Seine Nase war normal, mitten im Gesicht. Ein Jude. Zweiunddreißig Jahre alt. Ein Ingenieur. Und ein Kaufmann. Er war geflohen. Er schämte sich und wusste nicht wofür. Aber er schämte sich und wäre gerne für alle Zeiten unsichtbar geworden. Die Apfelblüten. Rosa und weiß. Duftend. Und er wusste nicht, wie er sich noch versteckt als reisender Kaufmann verhalten konnte. Hinaus gehen oder im Zimmer bleiben. Lächeln oder unsichtbar bleiben. Er war untergetaucht. Sichtbar und musste unsichtbar bleiben. Der Ingenieur. Ohne Auftrag.

Tag für Tag kamen mehr und mehr Juden aus Deutschland in Meran an. Heinrich Heldt begriff, dass er weiter reisen musste. Dass er in Meran, in Italien nicht in Sicherheit war. Er war im festen Glauben gewesen, dass er versteckt in den Werften, bei den Schiffen, das Ende der Nazis erleben könnte. Er war dumm gewesen, so dumm wie viele in der Familie. Er musste weiter flüchten, Italien verlassen. Er wollte keine Erklärung zu seiner Rassenzugehörigkeit auf dem Meraner Standesamt abgeben. Eine Woche wollte er noch so tun, als wäre er der Herr Ingenieur Heldt, über das Passeiertal in die Alpen schauen, dann musste er seine Fahrkarten benutzen. Sich durchschlagen. In den Süden. Nach Leuca.

Der Wind trägt den Duft der Apfelblüten bis in mein Zimmer, notiert Heldt. Schaue ich aus meinem kleinen Fenster, liegt die Stadt wie gemalt unter mir. Eine Idylle mit Menschen voller Angst. Alles in weiß und rosa Farbtönen. Die Dreitausender sind schneebedeckt, die Bäume blühen. Mittelmeerluft. Ein Obstgarten mit Flüchtlingen. Oleander und Pinien, Feigenkakteen wachsen hier. Über mir Schloss Trauttmannsdorff. Rund um Meran liegen viele Dörfer, aber ich bekomme wenig zu sehen. Ich bleibe im Zimmer. Wenn ich ein bergsteigender Jude wäre, könnte ich nach oben fliehen. Ausgerechnet ich. Nachts liege ich wach und denke mir Fluchten aus. Ich muss Meran verlassen. Ich muss weiter.

In der Nacht klopfte die Wirtin, holte ihn ins Erdgeschoss zum Telefon. Rauschen, als sollte er spüren, wie weit er von Hamburg und seinem Bruder entfernt war. Seine Frau Nelly war auf der Isle of Man gestorben. Kinder versorgt. Dringend Geschäftstermine in Livorno und Leuca wahrnehmen. Pass auf. Gute Reise. Heil Hitler. Heinrich Heldt setzte sich auf den nächsten Stuhl und weinte. Die Wirtin stellte ihm einen halben Liter Veltiner hin und eine Flasche Trester.

Heinrich Heldt trank und weinte. Er aß noch einmal Knödel und Strudel, Polenta. Er überlegte, sich von einem der Berge hinabzustürzen. Er entschied, dass er dazu kein Talent hatte und seine Kinder von ihm etwas anderes erwarteten. Also verabschiedete er sich von der Wirtin, die ihm nicht nur versicherte, dass sie nichts gegen Juden hätte, sondern ihm auch ein ordentliches Versperpaket mitgab.

Ich bin kein Jude. Ich komme aus Hamburg. Ich bin Ingenieur und Kaufmann, sagte Heldt und setzte seinen Hut auf. Die Wirtin lächelte. Dann ging er mit dem kleinen Koffer und der Aktentasche zum Bahnhof. Bis Anfang März 1939 waren die meisten der Juden aus Meran abgereist. Wer nicht untergetaucht war, wurde zur Zwangsarbeit gefangen genommen. Davon erfuhr Heldt erst nach dem Krieg. Er floh weiter und schrieb in immer kleinerer Schrift in sein Notizbuch.